Carolin Otto
(Bastei) Lübbe, ET 31.01.2025
544 Seiten, € 24,00
Berchtesgaden. Ein Ort, der heute weitestgehend als Ausgangspunkt für schöne Wanderungen zwischen der Watzmannfamilie, dem Königsee und anderen Bergen ist. Bekannt auch heute noch für das Kehlsteinhaus auf dem Obersalzberg, das während des zweiten Weltkrieges Adlerhorst genannt wurde und als Rückzugsort von Adolf Hitler galt, für den es auf der markanten Bergspitze erbaut wurde. Heute muss sich Berchtesgaden gegen den Zulauf der neonazistischen Anhänger wehren, die den Ort für ihr antidemokratisches Gedankengut als Wallstätte betrachten.
Diese geschichtsträchtige und von einer faszinierenden Bergwelt umrahmten Stadt hat die promovierte Drehbuchautorin Carolin Otto als Ausgangspunkt für ihren ersten Roman gewählt. Sie siedelt die Geschichte im Mai 1945 an, kurz nachdem Deutschland kapituliert hat und Berchtesgaden von den Amerikanern besetzt wird, die versuchen, wieder Ordnung und Recht einzuführen.
In den ersten 9 Kapiteln werden in jedem Kapitel neue Personen vorgestellt, die mich zunächst erschlagen haben. Ich hatte beim Lesen der ersten knapp 10 Seiten das Gefühl, das ich einer Serie gleich, mit jedem Kapitel gleich einer neuen Folge neue Personen präsentiert bekomme, was zunächst den Eindruck einer hakeligen, unrunden Einbindung von Figuren bei mir hinterließ. Im Nachwort des Buches habe ich dann später gelesen, dass „Berchtesgaden“ zuerst als TV-Serie geplant war und es 2019 einen Drehbuchentwurf gab (der aber nicht verwirklicht wurde), was meine Empfindung soweit bestätigte. Nichtsdestotrotz gelingt es Carolin Otto im Laufe der Handlung die zahlreichen Personen hervorragend miteinander zu verbinden.
Die Hauptpersonen sind die 19-jährige Sophie Gruber, die gleichaltrige Magda Hinckelmann, die mit ihrer Mutter und Tante geflüchtet sind und auf dem Hof der Familie Gruber aufgenommen wurden. Magda ist schwer verliebt in Max, dem älteren Bruder von Sophie, der aber ein Weiberheld ist und somit Sophie ihre neue Freundin vor einer Liaison warnt. Max Gruber, 27 Jahre, war und ist als ehemaliges SS-Mitglied ein überzeugter Hitler-Anhänger und versteckt sich in einer Hütte in den Bergen, um einer Anhörung und Bestrafung durch die Amerikaner zu entgehen.
Sophie gelingt es, als Stenotypistin beim Military Government in Berchtesgaden eine Stelle zu bekommen und kommt damit in direkten Kontakt mit den kleineren und schwerwiegenden Taten der Einwohner ihrer Heimatstadt, über die unter anderem Frank Rosenzweig urteilen und Recht sprechen muss.
Frank Rosenzweig, ein jüdischer Rechtsanwalt, in München geboren und aufgewachsen, konnte rechtzeitig mit seinen Eltern in die USA emigrieren, seine Schwester, sein Schwager und andere Familienmitglieder aber wurden in den KZ`s getötet. Als amerikanischer Soldat wurde Frank im Camp Ritchie zum Verhörspezialist ausgebildet und nach Berchtesgaden entsandt, da die Amerikaner an diesem Ort viele Anhänger Hitlers vermuteten. Hier trifft Frank auf seine erste große Liebe Ali Gral, einer bekannten Schauspielerin aus München, die ihn damals wegen eines vermeintlich italienischen Adeligen verlassen hatte und jetzt mit einem unehelichen Sohn eines verschwundenen Nazi-Generals in einem kleinen Chalet lebt.
Dann gibt es noch Dr. Rudolf Kriss, ein Ethnologe und einziger Erbe des Hofbrauhauses Berchtesgaden, der von einem anderen Mitglied im gleichen Schützenverein aufgrund einer nazifeindlichen Äußerung denunziert und in Haft genommen wurde. Seinem Todesurteil konnte er mit viel Glück knapp entkommen und kehrt in seine Heimatstadt zurück, wo er von den Amerikanern als Bürgermeister eingesetzt wird.
Diesen Figuren und Einzelschicksale schenkt die Autorin Carolin Otto eine wirkungsvolle Tiefe und unterschiedliche, lebendige Charaktere, mit denen man sich mehr oder weniger identifizieren kann oder möchte. War ich zu Beginn noch überfrachtet von der raschen Einführung vieler Personen, verknüpft die Autorin diese zügig auf geschickte Art und Weise in den einzelnen Kapiteln und baut damit einen hohen Spannungsbogen auf. So treffen die Amerikaner als Sieger auf die besiegten Deutschen, von denen jetzt plötzlich keiner mehr ein Hitleranhänger gewesen sein will. Berchtesgaden gehört zu den wenigen Orten, der so gut wie nicht bombardiert wurde und die meisten Menschen in diesem Gebiet mussten an keiner großen Not und Hunger leiden. Es sind komplexe Themen der Kriegs- und Nachkriegszeit, von Täter und Opfer, Mitläufer, Verleugner und der widerlichen Form von sozialem Mimikry, die die Menschen benutzten, um sich einen Vorteil von den Amerikanern (bei den Verhören) zu erhoffen, die Carolin Otto in ihrer atmosphärisch dichten Geschichte verarbeitet. Es gelingt ihr mit einem feinem Blick für die Stimmung und den Alltag der einfachen Menschen in Berchtesgaden, wie und mit welcher Gesinnung sie durch die Kriegszeit gekommen sind und mit welcher Haltung sie jetzt nach der Kapitulierung einem Neuanfang gegenüberstehen. Was Menschen aneinander im Krieg im Kleinen wie im Großen antun können und bei Kapitulation davon nichts gewusst haben wollen, es mit einer Geste der Entschuldigung wegzuwischen versuchen, beschreibt die Autorin nüchtern und dennoch berührend und betroffen machend.
Sophie Gruber entwickelt sich durch ihren Job als Stenotypistin bei den Amerikanern vom naiven Bauernmädchen zu einer nachdenklichen jungen Frau, die sich von den anderen Protagonisten abhebt, da sie die Einzige ist, die sich bewusst wird, dass man sich seiner Taten stellen und sie aufarbeiten muss, bevor man an einen Neuanfang denken kann.
Die Sprache ist überwiegend klar und schnörkellos. Während einige Sex-Szenen offen beschrieben werden, gibt es an mehreren anderen Stellen eine betuliche, umständliche Ausdrucksweise und abgehobene Umschreibungen, die ich befremdlich fand, weil sie so gar nicht mit der überwiegend unkomplizierten, flüssigen Ausdrucksweise übereinstimmten.
Beispiele:
Seite 147: … „öffnete sie die Zwischentür und diffundierte mit ihren Umschlägen unter dem Arm wie selbstverständlich in Franks Zimmer; eine bewusste sympathische Osmose.“
Seite 332: … „Aber im Moment hing sie mit ganzem Herzen an Frank: Agape vor Libido“.
Seite 454: … „so machten sie es und verspeisten einander im Bett.“
An anderer Stelle hatte ich das Gefühl, das die Autorin zu viel an Story reingepackt hat. So fand ich die zum Ende des Buches hin durchs Schlüsselloch einmalig festgestellte Liebe zwischen Magdas Mutter und der Schwägerin sicher für möglich, jedoch für die Geschichte unnötig und aufgesetzt, „ein touch too much.“
Carolin Otto hat für diesen Roman intensiv zahlreiche historische Ereignisse und Details recherchiert und fiktive literarische Figuren mit historisch belegten brillant miteinander verbunden.
Was ich aber dabei vermisse, sind am Ende des Buches die Quellenangaben der historisch belegten und eingebundenen Zitate und Äußerungen, die zum Teil, so die Autorin im Nachwort, von ihr „teilweise im Wortlaut eingesetzt“ wurden.
Auf Seite 108 gibt es die Aussage einer Frau aus Aachen im Verhör: „Ich habe nie Heil Hitler, sondern immer Guten Tag gesagt“, die damit ihre erstklassige Haltung bezeugt hat. Dabei hatte sie Nachbarn denunziert und ein Parteibuch der NSDAP, der sie am 16. September 1935 beigetreten war.“ Hierzu hätte mich unter anderem der Quellennachweis interessiert.
„Berchtesgaden“ ist ein vielschichtiges, intensives Buch, das ohne moralisch erhobenen Finger gerade heute einmal mehr zeigt, wie bedeutsam Demokratie und demokratische Werte sind. Carolin Otto verbindet die Innensicht der „einfachen“ Bürger von Berchtesgaden und deren Haltung zu ihren Taten während des zweiten Weltkrieges kurz nach der Kapitulation mit der Frage an uns heute, wie hätte „ich“ reagiert? Und erneut mit dem Bezug zur Gegenwart: Welche Verantwortung habe „ich“, um die Demokratie zu erhalten, was kann und muss ich, und wenn auch nur im Kleinen dafür tun?
Ein Buch, das auch mit kleinen Schwächen beeindruckend nachhallt.
Das Cover mit einem Foto der Watzmannfamilie im Hintergrund und der nachcholorierten jungen Frau im Vordergrund passt perfekt zum Roman.
Sabine Wagner