Interview mit Carolin Otto zu Ihrem Debütroman „Berchtesgaden“

Carolin Otto
(Foto (c) Andreas J. Focke)

Haben Sie eine persönliche Beziehung zu Berchtesgaden, vielleicht Wanderurlaube, oder hat Sie eher die historische Beziehung eines von Hitlers ehemaligen Hauptquartieren als Idee zu diesem Roman inspiriert?

Ich habe zu einem Drehbuchauftrag in Berchtesgaden recherchiert für eine ZDF-Heimatfilmreihe. Dabei ging es aber nicht um die Vergangenheit, sondern eher das Setting, die Umgebung, Natur, Berge, Stadt, Baustile, Besonderheiten. Da ich mich aber schon immer für die deutsche Geschichte und den Nationalsozialismus interessiert habe, war mir natürlich klar, dass Hitler dort sein Haus hatte, den berühmten Berghof. So bin ich auf das Dokumentationszentrum Obersalzberg gestoßen. Mit dem Thema bin ich spätestens seit meinem Film „DER WEISSE RABE – Max Mannheimer“ sehr vertraut. Und wenn man nach Berchtesgaden der Berge wegen fährt, sollte man sich vielleicht auch mit der Geschichte des Ortes vertraut machen.

 In Ihrem „Danke!“ – Nachtrag schreiben Sie, dass „Berchtesgaden“ 2019 als TV-Serie geplant war aber bis heute nicht verwirklicht wurde, „aber die Zukunft offen für alles ist“. Nach so einem vielschichtigen, umfangreichen Roman, der aus dem Drehbuch entstanden ist, haben Sie da nicht die Befürchtung, dass eine Serie/Film dem vorliegenden Buch gar nicht mehr gerecht werden kann?

Diese Befürchtung ist tatsächlich sehr berechtigt. Ich hatte ja bereits eine Konzeption für eine Serie entwickelt, inklusive einem Pilotdrehbuch. Das war ein gutes Gerüst, aus dem ich dann mit aller Freiheit den Roman entwickelt habe. Der Weg zurück wäre auf jeden Fall mit den für ein TV- oder Kinoformat obligatorischen Vereinfachungen und Reduktionen verbunden. Vermutlich würde dabei einiges verloren gehen, was mir jetzt besonders wichtig war. Ich konnte im Roman viele Dinge tun, die in einem audiovisuellen Format unmöglich sind.

 Sie bedanken sich bei Ihrer Lektorin dafür, die „ihren Text, dessen Inhalt, Absicht und Form begriffen hat und den Weg zum fertigen Roman, meiner Vorstellung entsprechend, mit mir zu gehen bereit gewesen ist – das kenne ich aus der Filmbranche so nicht. (Nur DrehbuchautorInnen können diesen Satz in seiner Gänze verstehen.)“                                                                                    Ich bin keine DrehbuchautorIn und verstehe folglich diesen Satz nicht, würde es aber gerne. 😊 Bitte beschreiben, erklären Sie mir, was genau Sie damit meinen.

Beim Drehbuchschreiben entsteht ein sogenanntes „vorbestehendes Werk“ (urheberrechtlich gesehen), eine Literaturgattung, die allerdings von vornherein dazu bestimmt ist, in einem Film aufzugehen (im besten Fall). Daraus folgt, dass schon grundsätzlich sehr viele Menschen mitsprechen dürfen, Regie, Produktion, Redaktion etc. Im heutigen TV-Business ist dieser Prozess noch weiter aufgebläht und während man zwischen 5 und 10 Fassungen schreibt (Standard), die sich zum Teil sehr von der ursprünglich beschlossenen Idee unterscheiden, reden immer mehr Menschen mit. Viele davon haben zwar Meinungen und (individuellen) Geschmack, stehen aber nicht unbedingt unter dramaturgischem Kompetenzverdacht. Allerdings stehen sie im Machtgefüge alle über den DrehbuchautorInnen. Im Umgang mit den AutorInnen gibt es wenig Wertschätzung.

Bis heute hat sich die Menschheit nicht zum Guten entwickelt, was den krassen Gegensatz von Kultiviertheit zu Gemetzel und barbarischen Handlungen an Mitmenschen angeht. Wie gelingt Ihnen hier eine positive, optimistische Einstellung zu halten, wenn man sieht, „was dem Menschen möglich war und ist“?

Das weiß ich auch nicht! Ich setze auf Vernunft und Mitgefühl des Einzelnen. Dass das dann insgesamt einen positiven Effekt hat und man sich zusammenschließt. Wie Sophie, Kriss, Frank Rosenzweig etc. Ob das ausreicht? Ich weiß es nicht. Gerade bin in auch eher gedämpft in meinen Erwartungen an die Menschheit.

Sie schreiben im Roman auf Seite 106, dass sich mehr als 300.000 Soldaten und Angehörige bewaffneter Einheiten, in die Berge und Täler rund um Berchtesgaden und Salzburg geflüchtet hatten. Das sind unglaublich viele Menschen.                                                                                                                                Wie darf ich mir das logistisch und praktisch vorstellen? Wo und wie lange haben sich diese Masse an Menschen in den Bergen (in den wahrscheinlich wenigen Hütten, Almen) versteckt und wie haben sie sich versorgt?

Das sind zum großen Teil Truppen, die sich nicht oben in den Bergen versteckt hatten. Die immer weiter vor den einmarschierenden Amerikanern zurückgewichen sind und eine allerletzte Front den wahnsinnigen Durchhaltebefehlen folgend „gehalten“ haben. Das war einfach der letzte Winkel Deutschlands, der erobert wurde. Viele haben ja auch aufgegeben. Die haben zum großen Teil nicht viel zu essen gehabt, waren froh, dass sie sich ergeben konnten. Die SS nicht unbedingt…

Sehen Sie es auch so, dass durch das Wegsterben der letzten Zeitzeugen aus dem zweiten Weltkrieg, die noch an die Gräuel und barbarischen Taten erinnern und mahnen können, das Vergangene vergessen wird und bei den heutigen Jugendlichen überwiegend nicht mehr gehört werden will, weil andere Sachen im Fokus stehen?

Ja, das sehe ich so. Ich frage mich auch, wie eine entsprechende Form aussehen kann und bin sehr interessiert daran. Ich begleite jetzt meinen Film „Der weiße Rabe – Max Mannheimer“ oft als eine Art Zweitzeugin und sehe auch meinen Roman als einen Weg…

 Mir scheint, dass sich heute viele Leser und Leserinnen unterschiedlichen Alters mit der Thematik des Buches nicht mehr belasten wollen. In der nicht mehr lesbaren Masse von Neuerscheinungen und Mode-Genres fällt das auch leicht. Ich finde jedoch, gerade in Ihrem Roman bekommt man durch den vielschichtigen klaren aber auch ungeschönten Blick der Hauptfigur Sophie die Haltung vermittelt, dass jede*r zu jeder Zeit für seine Handlungen und Taten verantwortlich und dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist.

Was wünschen Sie sich persönlich für Ihr Buch?

Es freut mich, dass sie meine Hauptfigur so „erkennen“! Ich wünsche mir, dass mein Buch viele LeserInnen findet. Und dass einige jüngere LeserInnen es auch lesen.

Und auch für Sie meine letzten drei „Bücher leben!“ – Fragen:

Wann schreiben Sie (morgens, mittags, abends, immer)

Das ist unterschiedlich. Vormittags bis 13, 14 Uhr. Und dann wieder ab 17 Uhr. Beim Roman hat es sich verschoben: Mehr am Nachmittag. Vormittags nur lesen.

Wie schreiben Sie? (Laptop, per Hand, PC)

Ich schreibe Notizen und Kritzeleien mit der Hand, aber dann mit dem Computer. Laptop oder zu Hause am PC.

Wo schreiben Sie? (Arbeitszimmer, Küchentisch, Baumhaus, überall)

Normalerweise im Arbeitszimmer, aber ggf. auch überall!

Interview (c) Sabine Wagner

 

 

 

 

 

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